Am 18. November 2025 stehen Friedrich Merz und Emmanuel Macron in Berlin nebeneinander und verkünden, wie Europa sich von amerikanischer Technik lösen will. Ein Baustein hat Namen: Mistral, das Pariser KI-Start-up, und SAP, Deutschlands größter Softwarekonzern, sollen gemeinsam die Künstliche Intelligenz für die Verwaltungen beider Länder bauen. Ein verbindlicher Vertrag, so steht es in der Pressemitteilung des Bundesdigitalministeriums, folgt „bis Mitte 2026“.[a]
Elf Monate später gibt es diesen Vertrag nicht. Auf Nachfrage erklärt ein Sprecher desselben Ministeriums, die Unternehmen entwickelten die Zusammenarbeit nun „eigenständig“ weiter. Beschaffungsvorhaben bei Mistral habe der Bund derzeit keine.[h] Warum, sagt niemand. Weder das Ministerium noch Mistral nennen Gründe.
Dazwischen liegt eine Entscheidung, die das Ministerium selbst getroffen hat: Im Mai vergab es knapp 250 Millionen Euro für die KI-Cloud des Bundes. An die Telekom-Tochter T-Systems, mit SAP im Konsortium. Mistral kommt in der Mitteilung nicht vor.[f]

Mistral-Chef Arthur Mensch bei der Techarena 2026 in Stockholm (Februar 2026). Foto: Jan2342342423, Wikimedia Commons, CC0
Was im November versprochen wurde
Die Erklärung vom 18. November ist konkret. Sie nennt vier Bausteine: ein Buchhaltungs- und Verwaltungssystem (ERP) mit eingebauter KI, zugeschnitten auf deutsche und französische Behörden. KI-gestützte Finanzprozesse, etwa die automatische Prüfung von Rechnungen. Digitale Agenten, die Sachbearbeitern bei Entscheidungen helfen und Bürgern beim Ausfüllen von Formularen. Und gemeinsame Innovationslabore, in denen Beamte den Umgang mit den Systemen lernen.[a]
Gesteuert werden sollte das Ganze von einem deutsch-französischen Gremium unter Leitung der beiden Digitalministerien. Der Zeitplan: verbindlicher Rahmenvertrag bis Mitte 2026, Einführung in den Verwaltungen von 2026 bis 2030. Die französische Fassung spricht von einem „accord-cadre contraignant“, einem bindenden Vertrag.[b]
Digitalminister Karsten Wildberger ließ sich mit dem Satz zitieren, man wolle „auf europäische digitale Lösungen setzen“ und begrüße deshalb die Partnerschaft von SAP und Mistral. Mistral-Chef Arthur Mensch: „Europa muss seine KI-Zukunft selbst in der Hand haben, von der Infrastruktur bis zur Technologie.“ SAP-Chef Christian Klein: „Europas Wettbewerbsfähigkeit hängt davon ab, ohne Kompromisse innovieren zu können.“ (Übersetzungen: Ex Silico)[a]
Auf der Pressekonferenz am selben Tag war Macron genauer als die Pressemitteilung. „Wir haben eine Absichtserklärung unterzeichnet“, sagte er. Keinen Vertrag. Ziel sei „eine Beschaffungspräferenz, angefangen bei den Verwaltungen in Frankreich und in Deutschland“. Merz sprach von „über zwölf Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen“, die an diesem Tag vereinbart worden seien, die Summe aller Zusagen des Gipfels, nicht die der Mistral-Partnerschaft. Der Staat wolle „als öffentliche Verwaltung ein guter Kunde sein“.[c]

Digitalminister Karsten Wildberger beim EU-Digitalgipfel der polnischen Ratspräsidentschaft, 17. Juni 2025 (Archivbild). Foto: Polish presidency of the Council of the EU 2025 / PAP, Wikimedia Commons, gemeinfrei
Was danach geschah
Zwischen November und Oktober findet sich kein öffentlicher Bericht über den Stand der Verhandlungen. Keine Zwischenmeldung des Ministeriums, keine Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, kein Interview, in dem jemand den Vertrag erwähnt. Was es gibt, ist die Vergabe vom 21. Mai.
An diesem Tag teilt das Digitalministerium mit, es habe die „souveräne KI-Cloud“ des Bundes ausgeschrieben und vergeben: eine Plattform, auf der Bund, Länder und Kommunen KI-Anwendungen betreiben sollen, Volumen knapp 250 Millionen Euro. Den Zuschlag erhält ein Konsortium um T-Systems, als zweiter Bieter ein Konsortium um das Wiesbadener IT-Haus SVA. Erste Anwendung ist KIPITZ, die KI-Plattform der Bundesverwaltung. Wildberger: „Mit der KI-Cloud schaffen wir das Rückgrat einer souveränen, digitalen und KI-fähigen Verwaltung.“[f]
SAP ist Teil des T-Systems-Konsortiums und bringt seine KI-Plattform ein. Die Vergabe hatte sich verzögert, weil ein Konsortium um Google und Adesso Rechtsmittel eingelegt hatte, die später zurückgezogen wurden.[g] Welche KI-Modelle auf der Cloud laufen werden, nennt die Mitteilung nicht. Sie spricht von offenen Standards und Open-Source-Komponenten.
Die Frist „Mitte 2026“ verstreicht einen Monat später. Ohne Unterschrift, ohne Erklärung.
Was das Ministerium heute sagt
Die erste Nachricht über das Ende der Pläne stammt nicht aus einer Pressemitteilung, sondern aus zwei Nachfragen von Journalisten. Dem Newsletter „Technologie & KI“ von Politico sagte ein Sprecher des Digitalministeriums, die Unternehmen entwickelten die Zusammenarbeit „eigenständig“ weiter. Der WELT erklärte das Ministerium, der Bund habe derzeit „keine Beschaffungsvorhaben“ bei Mistral. Eine SAP-Sprecherin: „SAP und Mistral arbeiten weiterhin gemeinsam an souveränen KI-Lösungen.“ (Beide Medien gehören zu Axel Springer; die Zitate liegen Ex Silico über Berichte Dritter vor.)[h] Golem fasst zusammen: Der Rahmenvertrag sei „vorerst vom Tisch“.[i]
Mistral hat sich nicht geäußert. Die französische Regierung auch nicht. Aus dem Bundestag ist bislang keine Reaktion bekannt.
Was bleibt, ist der Abstand zwischen zwei Sätzen desselben Hauses. Im November: Frankreich, Deutschland, Mistral und SAP unterzeichnen bis Mitte 2026 einen verbindlichen Vertrag. Im Oktober: Die Unternehmen machen eigenständig weiter. Der Staat, der „ein guter Kunde“ sein wollte, ist aus dem Satz verschwunden.
Dieselbe Woche: Ecosia wirft Mistral raus
Dass der Rückzug ausgerechnet jetzt bekannt wird, hat einen Nebenstrang. Am 9. Oktober gab die Berliner Suchmaschine Ecosia bekannt, nach fünf Monaten nicht mehr mit Mistral zu arbeiten. Stattdessen nutzt sie über den deutschen Anbieter Melious offene Modelle aus China: Qwen von Alibaba, GLM von Zhipu, Kimi von Moonshot. Ecosia-Chef Christian Kroll begründete das mit technischen Problemen, überlasteten Servern und enttäuschender Qualität. Mistrals Modelle lägen „ein Jahr hinter“ der Konkurrenz. Die Kosten habe der Wechsel etwa halbiert, eine Angabe, für die Kroll keine Zahlen vorlegte.[k]
Drei Tage zuvor hatte Mistral sein bislang größtes Modell vorgestellt, Large 4, trainiert auf 3.800 Nvidia-Chips in europäischen Rechenzentren. Der Aachener Informatikprofessor Holger Hoos nannte es „ein durchweg grundsolides Modell, aber eben nicht bahnbrechend“.[j] Mistral-Mitgründer Guillaume Lample lud Ecosia öffentlich ein, das neue Modell zu testen.
Ob der Bund zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen ist wie Ecosia, lässt sich nicht sagen. Er hat sie nicht ausgesprochen. Das ist der Unterschied zwischen einem Unternehmen und einer Regierung: Kroll hat erklärt, warum er wechselt. Das Ministerium, das die Partnerschaft mit Kanzler und Präsident angekündigt hat, hat ihr Ende bisher nur auf Nachfrage bestätigt.

Das Bundeskanzleramt in Berlin (Archivbild, 2014). Die Bundesregierung kündigte die Partnerschaft mit Mistral und SAP am 18. November 2025 beim Gipfel zur digitalen Souveränität in Berlin an. Foto: Norbert Nagel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Was das für Mistral bedeutet
Mistral ist nicht in Not. Das Unternehmen hat im September 2025 1,7 Milliarden Euro eingesammelt, bei einer Bewertung von rund 11,7 Milliarden Euro; größter neuer Geldgeber war der niederländische Chipausrüster ASML mit etwa 1,3 Milliarden.[l] Mit SAP läuft die Zusammenarbeit kommerziell weiter: Mistrals Modelle sind in SAPs Cloud-Plattform eingebaut, mit einem „Souveränitätsbereich“ für Behörden und regulierte Branchen, zunächst in Deutschland.[d]
Was Mistral verliert, ist kein Auftrag. Einen Vertrag gab es nie. Es verliert den Referenzkunden, mit dem es im November geworben hat: zwei Regierungen, die ihre Verwaltungen auf europäische KI umstellen. Dieser Satz lässt sich jetzt nicht mehr sagen.
Was das für die „digitale Souveränität“ bedeutet
Der Begriff war das Motto des Gipfels im November. Er bedeutet, grob gesagt, dass Europa bei Software, Cloud und KI nicht von amerikanischen oder chinesischen Anbietern abhängig sein will. Merz begründete das mit „der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft“, „unserer Sicherheit“ und „unserer Verteidigung“.[c]
Gemessen an dem, was der Bund seither tatsächlich beschafft hat, sieht Souveränität so aus: Die Cloud kommt von der Telekom, die Software von SAP, beides deutsche Konzerne, die ohnehin Großlieferanten des Bundes sind. Das europäische KI-Modell, das als Symbol der Partnerschaft galt, ist nicht dabei. Welches Modell stattdessen in der KI-Cloud des Bundes laufen wird, ist offen. Das Ministerium hat es nicht gesagt.
