Vier große europäische Mobilfunkkonzerne – Deutsche Telekom, Orange, Telefónica (in Deutschland unter der Marke O2) und Vodafone – haben am 19. Oktober eine Absichtserklärung unterzeichnet. Sie wollen prüfen, ob sie sich gemeinsam um Frequenzen für Satellitenmobilfunk bewerben.[a] Es geht um das sogenannte 2-GHz-MSS-Band. MSS steht für Mobile Satellite Services: Über diesen schmalen Frequenzbereich tauschen Satelliten Daten direkt mit Geräten am Boden aus. Die EU will das Band nach Auslaufen der heutigen Lizenzen neu vergeben und dabei auch Direct-to-Device-Dienste (D2D) ermöglichen – also Verbindungen zwischen Satellit und gewöhnlichem Smartphone.[g]
Für Menschen in Funklöchern klingt das nach einer guten Nachricht. Bei der Vergabe geht es aber nicht nur darum, ob Satellitenempfang aufs Handy kommt – erste Angebote sind schon für 2028 angekündigt.[q] Es geht auch darum, wer ab dem Ende des Jahrzehnts über diese Frequenzen verfügt und zu welchen Bedingungen. Darüber streiten Brüssel, die großen Netzbetreiber, SpaceX und die US-Regierung.
Was die vier Netzbetreiber vorhaben
Die Absichtserklärung ist noch keine Bewerbung. Die Konzerne wollen eine mögliche gemeinsame Bewerbung zunächst prüfen.[a] Geplant ist eine Arbeitsteilung: Die Netzbetreiber würden in Europa Bodeninfrastruktur sowie Koordinations- und Überwachungsfunktionen aufbauen, aber nicht selbst in eine Satellitenflotte investieren. Die Satelliten soll ein Partner liefern, der noch ausgewählt werden muss.[a] Wer das sein könnte, ist offen.[d]
Als Ziel nennen die vier, allen Mobilfunkbetreibern in Europa offenen und diskriminierungsfreien Zugang zu verschaffen, damit sie ihren Kunden D2D-Dienste anbieten können. Zugleich wollen sie das Ziel der EU-Kommission unterstützen, Europas Souveränität, Sicherheit und Widerstandsfähigkeit bei kritischer Kommunikationsinfrastruktur zu stärken.[a] Die bestehenden Satellitenpartnerschaften der einzelnen Konzerne bleiben davon unberührt.[a] Erste Gespräche über ein solches Konsortium hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg bereits Anfang September gemeldet.[e]
Was die EU vergeben will
Das Band umfasst zweimal 30 Megahertz: 1980 bis 2010 MHz für die Richtung vom Boden ins All, 2170 bis 2200 MHz für die Gegenrichtung.[f] Heute nutzen es zwei Betreiber, Viasat und EchoStar, mit je einem gepaarten 15-MHz-Block. Ihre Rechte laufen im Mai 2027 aus.[f]
Am 27. Mai 2026 hat die EU-Kommission vorgeschlagen, wie es danach weitergeht.[g] Statt 27 nationaler Genehmigungen soll es eine einzige Unionsgenehmigung geben, die in allen Mitgliedstaaten gilt.[f] Das Band würde in sechs gepaarte Blöcke zu je 5 MHz aufgeteilt:[f]
- Zwei Blöcke – ein Drittel – sind vorrangig für ein gesichertes System für Behörden, Sicherheitskräfte und Militär reserviert. Betreiben soll es ein EU-Betreiber. Das System soll mit IRIS² verknüpft werden, dem geplanten Satellitennetz der EU für sichere Regierungskommunikation.[f][g]
- Zwei Blöcke sollen bevorzugt an neue europäische Anbieter gehen.[f]
- Die übrigen Blöcke stehen Bewerbern aus der EU und aus Drittstaaten offen.[f][g]
Kein einzelner kommerzieller Anbieter soll mehr als einen gepaarten 10-MHz-Block erhalten. Die Rechte sollen 20 Jahre gelten und einmal verlängerbar sein.[f] Wer sich bewirbt, muss zusagen, binnen fünf Jahren mindestens 95 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche jedes Mitgliedstaats zu versorgen.[f] Bei der Auswahl sollen unter anderem Abdeckung, Wettbewerb und Großhandelszugang für andere Anbieter zählen, außerdem ein erkennbarer Weg zu D2D-Diensten. Der gebotene Preis soll vergleichsweise gering gewichtet werden.[f]
Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Kommission für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, begründet den Vorschlag mit der Versorgung: Er ermögliche Verbindungen direkt zu Mobilgeräten und solle sicherstellen, dass alle Gebiete der EU, gerade jene ohne Mobilfunknetz am Boden, Sprachdienste und Breitband-Internet erhalten.[g]
Beschlossen ist das nicht. Europäisches Parlament und Rat müssen dem Vorschlag noch zustimmen.[j] Damit die bestehenden Dienste nicht abreißen, sollen die Rechte von Viasat und EchoStar auf Antrag um zwei Jahre verlängert werden.[f] Ausgewählt und zugeteilt würde laut dem Finanzteil des Vorschlags ab 2029.[f] Auch die Nachrichtenagentur dpa geht davon aus, dass die Frequenzen wohl 2029 frei werden.[d]

Berlaymont-Gebäude in Brüssel, Sitz der EU-Kommission (Aufnahme 2022). Die Kommission will das 2-GHz-Satellitenband künftig EU-weit einheitlich vergeben. Foto: © Superbass (öffnet in neuem Tab) / CC-BY-SA-4.0 (öffnet in neuem Tab) (via Wikimedia Commons)
Warum die USA mit Folgen drohen
Was nach Frequenzverwaltung klingt, berührt ein Milliardengeschäft. SpaceX, das Unternehmen hinter dem Satelliteninternet Starlink, hat im September 2025 vereinbart, Frequenzen von EchoStar für rund 17 Milliarden US-Dollar zu kaufen.[n] Der Vertrag umfasst auch die internationalen Genehmigungen und Rechte rund um dieses Spektrum.[o] EchoStars europäische 2-GHz-Lizenzen sollten Branchenberichten zufolge 2027 an SpaceX übergehen.[e]
Der EU-Entwurf versperrt diesen Weg: Während der zweijährigen Verlängerung dürfen die Rechte weder übertragen noch vermietet werden.[f] SpaceX müsste sich also im neuen Verfahren bewerben[j] und könnte wegen der Obergrenze höchstens ein Drittel des Bands erhalten.[k] Das Unternehmen kritisierte im Juni, der Plan zerlege das Band in praktisch unbrauchbare Teile und könne mit internationalen Verpflichtungen kollidieren.[m] Zugleich treibt SpaceX in den USA seinen Dienst Starlink Mobile voran und hat Anfang Oktober den Kauf weiteren Spektrums vereinbart.[p]
Fast zeitgleich mit der Absichtserklärung der Netzbetreiber meldete sich Washington zu Wort. Andrew Puzder, US-Botschafter bei der EU, warnte laut dem Fachportal ITdaily, eine Benachteiligung von Starlink hätte „sehr verheerende Folgen für Unternehmen“ (eigene Übersetzung). Welche Maßnahmen er meint, sagte er nicht.[l]
Die Kommission argumentiert mit Abhängigkeiten. Derzeit halte kein europäischer Satellitenbetreiber Rechte in dem Band, heißt es im Entwurf; ein Angebot, das ausschließlich ein einzelner Betreiber aus einem Drittstaat erbringt, solle vermieden werden.[f] Ausgeschlossen sind Anbieter von außerhalb der EU nicht. Sie müssen aber unter anderem eine Niederlassung oder einen Ansprechpartner in der EU haben und sicherstellen, dass Drittstaaten keinen Zugriff auf Kundendaten erhalten.[f]

Visualisierung: rund 30.000 Satelliten, die SpaceX für die zweite Starlink-Generation beantragt hat (Planungsstand 2022, keine Fotografie). Grafik: ESO (öffnet in neuem Tab), CC BY 4.0 (öffnet in neuem Tab)
Was Handynutzer davon hätten
Bei D2D übernimmt der Satellit die Rolle eines Mobilfunkmasts. Das Standardisierungsgremium 3GPP hat das mit Release 17 auch für Handgeräte spezifiziert.[v] Der EU-Entwurf zielt ausdrücklich auf unveränderte Standard-Smartphones.[f]
Der Bedarf in Deutschland ist überschaubar, aber real. Die Bundesnetzagentur weist in ihrem Mobilfunk-Monitoring (Datenstand Juni 2026) 0,19 Prozent der Landesfläche als Funkloch aus. Auf 1,74 Prozent der Fläche bietet kein Netzbetreiber 4G oder 5G, auf 12,58 Prozent nicht alle.[w] Wer an einen Anbieter gebunden ist, spürt die Lücken stärker: Mit 4G versorgt die Telekom 92,6 Prozent der Fläche, Vodafone 92,2 Prozent und Telefónica 88,3 Prozent.[y]

Mobilfunkmast bei Hattstedt nahe Husum (Aufnahme 2019). Wo kein Netz am Boden verfügbar ist, sollen künftig Satelliten einspringen. Foto: Fabian Horst (öffnet in neuem Tab) / CC BY-SA 4.0 (öffnet in neuem Tab) (via Wikimedia Commons)
Satellitenempfang wird diese Lücken nur teilweise schließen. GSMA Intelligence, das Analysehaus des Mobilfunk-Branchenverbands GSMA, beschreibt die Grenzen: Heute laufen über D2D meist Notrufe und SMS. In Gebäuden, wo der Großteil der Mobilfunknutzung stattfindet, kommt das Signal kaum an. D2D könne Netze am Boden nie ersetzen.[u] In den USA, wo T-Mobile mit Starlink seit Juli 2025 einen Satellitendienst anbietet, beschränkte sich das Angebot zum Start auf Textnachrichten.[ae]
Erste Angebote sind bereits angekündigt. Die Telekom will ab Anfang 2028 in mehreren europäischen Märkten, darunter Deutschland, Funklöcher mit Starlink schließen, mit Daten-, Sprach- und Messagingdiensten im MSS-Spektrum von Starlink. Um welche Frequenzen es sich dabei handelt und ob die EU-Neuvergabe den Dienst berührt, geht aus der Mitteilung nicht hervor.[q] Laut CNBC gehört auch Österreich zu den zehn geplanten Ländern.[r] Vodafone hat mit dem Satellitenbetreiber AST SpaceMobile das Gemeinschaftsunternehmen Satellite Connect Europe gegründet; einen kommerziellen Starttermin nennt es bislang nicht.[s] O2 Telefónica testet mit dem europäischen Anbieter OQ Technology in Mecklenburg-Vorpommern Text- und Sprachnachrichten per Satellit.[t]
Für Nutzer geht es bei der Vergabe vor allem um die Zeit ab 2029: welche Systeme langfristig über Europa funken, ob kleinere Anbieter über Großhandelsmodelle Zugang bekommen und wie stark Europa von einem einzelnen Betreiber abhängt. Das Bündnis der vier Netzbetreiber verspricht offenen Zugang für alle Mobilfunkanbieter.[a] Der Entwurf der Kommission belohnt Großhandelsangebote bei der Auswahl.[f] Ob daraus mehr Wettbewerb entsteht, hängt davon ab, wer sich am Ende tatsächlich bewirbt und zu welchen Bedingungen.
Österreich und die Schweiz
Österreich ist als EU-Mitglied unmittelbar betroffen; der Vorschlag liegt auch dem Parlament in Wien vor.[ad] Die Regulierungsbehörde RTR hielt schon 2025 fest, dass es weder auf europäischer noch auf nationaler Ebene Regeln für die D2D-Nutzung gebe und ein nationaler Rahmen erst mit klaren europäischen Vorgaben möglich sei.[ac]
Für die Schweiz gilt die EU-Verordnung nicht, denn sie richtet sich an die Mitgliedstaaten.[f] Das Frequenzband selbst hat die Schweiz aber ebenso wie Österreich nach einer Entscheidung der europäischen Fernmeldeorganisation CEPT für Satellitenmobilfunk vorgesehen.[z] Das Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) behält sich in seinen Entwürfen für die Vergabe der Mobilfunkkonzessionen ab 2029 künftige Regeln zur Integration satellitengestützter Netze ausdrücklich vor.[aa] Laut dem Chef von Salt erlaubt der Rechtsrahmen derzeit noch nicht, Mobilfunkfrequenzen für direkte Satellitenverbindungen zu nutzen; Swisscom rechnet nicht vor 2028 mit einem solchen Dienst.[ab]
Häufige Fragen
Brauche ich für Handyempfang per Satellit ein neues Smartphone?
Ab wann gibt es in Deutschland Satellitenempfang aufs Handy?
Ersetzt der Satellit den Mobilfunkmast?
Wird Starlink in Europa ausgeschlossen?
Titelbild: Eine Kette frisch gestarteter Starlink-Satelliten über dem Carson National Forest in New Mexico (veröffentlicht 2022). Foto: M. Lewinsky/Creative Commons Attribution (öffnet in neuem Tab) (NSF NOIRLab), CC BY 4.0 (öffnet in neuem Tab)
